Erinnerungen

 

Erinnerungen an die Jahre 1989 – 1990 von Bianka Rostalski

Jetzt bin ich 50 Jahre und blicke auf die bewegenden Jahre der friedlichen Revolution vor 25 Jahren zurück.

Aufgewachsen in Brandenburg, in Bad Saarow, ich habe noch 2 Geschwister. Mein Vater bekleidete einen höheren Posten bei der NVA, er war Oberst und Mitglied der SED. Heute gehört er der Partei „Die Linke“ an. Die Mitgliedschaft bei den Jungen Pionieren und auch  bei der FDJ war für uns selbstverständlich. Uns ging es gut, wir besaßen ein eigenes Haus. Urlaube verlebten wir in der DDR, z.B. an der Ostsee oder in Dresden. Die Schule in Bad Saarow besuchte ich von 1970 – 1980.

Zur Ausbildung als Agrotechnik-Mechanisator (Pflanzenproduktion) kam ich in den Bezirk Rostock, nach Loissin in eine LPG.

Um dem Druck der immer wiederkehrenden Gespräche betr. einer Parteimitgliedschaft aus dem Wege zu gehen, trat ich ganz bewusst nicht in die SED, sondern in die Deutsche Bauernpartei (DBD) ein. Ich wollte Ruhe haben, aber hatte auch den Anspruch, in meinem Umfeld und in der Brigade mitzuarbeiten, um für die Kolleginnen und Kollegen Probleme anzusprechen und zu verändern. So gelang es mir, die Öffnungszeiten des Konsums den Arbeitszeiten der Frauen anzupassen.

Zielgerichtet trat ich ebenso mit Anfang 20 auch in den DFD, den VdgB und in den Kreistag, Ortsgruppe Loissin ein. Später qualifizierte ich mich zum Meister, und der Posten der Brigadierin ließ nicht lange auf sich warten.

Eine Wohnung in einem alten Haus (95 qm) wurden meinem Freund und mir zum Ausbau angeboten – das war damals nicht selbstverständlich. In Eigeninitiative und mit aktiver Unterstützung vieler Freunde und Kollegen konnten wir nach 2 Jahren in unser Heim einziehen, in dem wir heute noch gerne wohnen.

Wir fühlten uns dort wohl, und ich konnte mit vielfältigen Aktivitäten Einfluss nehmen auf die Gestaltung und das Miteinander auf dem Lande.

Als unsere Familie erstmalig 1988 Besuch aus der Bundesrepublik bekam, wunderten wir uns über die Reaktionen der Tante, die unsere geliebte Stadt als „grau und trostlos“ kritisierte. Damals ärgerten wir uns über diese Aussage, wir sahen das einfach nicht mehr, wir waren an diesem Anblick der verwahrlosten Häuser der Innenstadt gewohnt. Erst viele Jahre später, als im Pommerschen Landesmuseum die Ausstellung von Herrn Robert Conrad mit dem Titel „Zerfall und Abriss in den 80er Jahren“ vorgestellt wurde, gingen uns die Augen auf, in was für einer kaputten Stadt wir damals gewohnt hatten.

Im Mai 1989 standen die Kommunalwahlen an, bei denen ich erstmalig für den Kreistag in Greifswald kandidierte. Im beigefügten Zeitungsausschnitt der Jungen Welt, dem Organ des Zentralrates der FDJ vom 10. April 1989, werde ich als Kandidatin der DBD vom
Abteilungsleiter der LPG Kemnitz vorgestellt. Unter anderem heißt es da: „Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es heißt, Probleme zu diskutieren und zu lösen“.

Ungefähr zur gleichen Zeit erhielt ich noch einen Studienplatz an der Parteischule in Greifswald.

In diese Zeit fielen die Unruhen in China auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Wir sahen im Fernsehen die Menschen, die scharenweise über Ungarn in die BRD flohen oder sich in Botschaften der damaligen BRD aufhielten und auf ihre Ausreise warteten. Der  Referent war irritiert wir Hörer ebenfalls. Was sollte das alles bedeuten? Wir meldeten uns bei der Kreisleitung, weil wir keinen Sinn mehr in unserer Schulung sahen. Zwei Wochen später wurde die Parteischule geschlossen.

Getäuscht fühlte ich mich auch durch die Aktionen anlässlich des Honecker-Besuchs im Juni 1989 in Greifswald. Was wurde da für ein Aufwand betrieben, um der Stadt ein freundliches Gesicht zu geben. Ich empfand dies als eine Groteske, so wie die Ruinen und
Abrißhäuser beklebt, stellenweise verputzt und angestrichen wurden.

Die unglaublichen Demonstrationen in Leipzig und der gesamten Republik mit hunderttausenden Menschen, die gegen die Regierung und ihre Politik auf die Straße gingen, machten mich sprachlos.

Als dann am 9. November die Mauer fiel, die Grenzen offen standen und so viele Menschen das Land verließen, war uns allen klar, dass eine neue Zeit anbrechen würde.

Wir waren beunruhigt. Was wird aus unserer LPG? Was wird aus unserer Arbeit? Diese Fragen wurden bei uns heiß diskutiert.

Die LPG wurde aufgelöst, und jeder einzelne von uns war auf sich allein gestellt, das war ein Novum für uns, wir hatten stets als Gemeinschaft funktioniert, das Neue und Fremde machte uns Angst.

Nach 2monatiger Arbeitslosigkeit nahm ich mein Schicksal selbst in die Hand und freute mich über das Angebot des Arbeitsamtes, eine 2jährige Umschulung als Bürokauffrau zu absolvieren.

Anschließend arbeitete ich in unterschiedlichsten Einrichtungen: bei einem Zahnarzt, in der Odebrechtstiftung, in einer Essbar als Köchin, stets mit nur kurzfristigen Zeitverträgen und Fördermittelbewilligungen.

Seit 2 Jahren habe ich einen Arbeitsplatz als Verkäuferin in einem Bioladen in Greifswald und freue mich jeden Tag auf meine Arbeit.

Was mich noch heute verwundert: warum ging vor 25 Jahren alles so schnell, so überstürzt?

Sicher, es wären, wenn wir nicht die Einheit Deutschlands bekommen hätten, Tausende und Abertausende, wenn nicht Millionen Menschen aus der ehemaligen DDR in die BRD gegangen, aber es wären auch sehr viele wieder zurückgekommen – davon bin ich
überzeugt!

Worüber ich heute glücklich und zufrieden bin?

Meine beiden Kinder hatten die Möglichkeit einer guten Ausbildung, bzw. eines Studiums - beide sind heute beruflich in guten Positionen tätig.  Sie können reisen, wohin sie wollen, die Welt steht ihnen offen. Meine Kinder haben eine gute Zukunft vor sich, und . . . . demnächst werde ich Oma!

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Ein Bericht von Frau Christel Fermum

Fermum 1Fermum 2Wackwitz 1Wackwitz 2Wackwitz 3Die erste Demonstration am 18. Oktober 1989 haben die Handwerker der Johanna-Odebrecht-Stiftung Hans-Jürgen Ollinger und Dieter Brandenburg in Gang gesetzt. Konsistorialratpräsident Hans-Martin Harder erinnert sich so an die erste Demonstration in Greifswald:

Zum Beginn der Demonstrationen in Greifswald am 18. Oktober 1989

An die Ereignisse am Abend des 18. Oktober 1989 in Greifswald erinnere ich mich noch deutlich. Überlagert wird diese Erinnerung natürlich von dem, was sich alles danach ereignete. An manche Einzelheit aber erinnere ich mich noch recht präzise, obwohl oder vielleicht gerade weil dazu später deutlich Anderes zu lesen oder zu hören war.

An diesem Tag fand tagsüber die monatliche Sitzung der Kirchenleitung statt, von der ich am späten Nachmittag nach Hause kam. Von unserer Wohnung am Karl-Marx-Platz aus unternahmen meine Frau und ich danach einen kleinen Spaziergang zum Dom und an den Markt. Dabei vermittelte sich uns beiden eine eigenartige Stimmung, die nicht nur von dem trüben Herbstwetter bestimmt war. Wir bestätigten uns gegenseitig: Das war heute noch nicht alles, irgendetwas kommt noch!

Kurz nachdem wir zu Hause wieder eintrafen, klingelte das Telefon. Es meldete sich der damalige Stellvertreter des Oberbürgermeisters für Inneres, Herr Dr. Schulz mit etwa folgenden Worten: Herr Harder, jetzt haben wir die Bescherung! Nach Ihrem Gottesdienst im Dom, der angeblich dem Frieden dienen sollte, machen sich Horden von Jugendlichen in Richtung Schönwalde auf, um dort die Kaufhallen zu stürmen. Jetzt müssen Sie tätig werden!

Ich erwiderte, dass ich zunächst mal überhaupt nichts „muss“. Ich könnte mir auch nicht vorstellen, dass von dem Friedensgottesdienst eine solche Aktion ausginge. Ich sei aber bereit, mich der Sache mit meinen Möglichkeiten anzunehmen. Allerdings sei unabdingbare Voraussetzung dafür, dass Dr. Schulz dafür sorge, dass dabei keine Polizei zum Einsatz käme. Ich würde mit meinem Wagen dorthin fahren, der ja bekannt sei (ich fuhr damals den wahrscheinlich einzigen dunkelblauen VW Golf in der Stadt). Dr. Schulz sagte zu, sich darum zu bemühen.

Mein damals 17 Jahre alter Sohn meinte, er wisse wohl, wo wahrscheinlich Demonstranten an diesem Tag zu finden seien. Er war gerne bereit, mich zu begleiten. So fuhren wir unverzüglich los. Zunächst fuhren wir zu Superintendent Wackwitz, um ihn zu bitten, mitzukommen. Das sagte er zu, obwohl er eine gemeindliche Veranstaltung vorbereitete und stieg also mit ein. Darauf fuhren wir zu Pfarrer Dr. Glöckner, der allerdings schwerer zu gewinnen war. Er wies darauf hin, er habe Beschwerden im Knie und könne daher nicht mitkommen. Schließlich stieg er aber mit ein.

Mein Sohn dirigierte uns in die Wolgaster Straße Richtung Boddenhus (das es damals noch gab). Dort trafen wir auf eine sich formierende Demonstration. Ich ließ alle drei aussteigen mit der Verabredung, sich möglichst an der Spitze der Demonstration, soweit erforderlich, für einen friedlichen Ablauf einzusetzen. Wir gingen gemeinsam davon aus, dass die Demonstration über Petershagenallee, „Europakreuzung“ und Schuhhagen bis zum Markt führen würde.

Ich selbst fuhr zu Freunden in die Wohnung im Georgsfeld und rief von dort aus Dr. Schulz an (Handys gab es ja zu der Zeit für uns noch nicht). Ich teilte ihm mit, es könne gar keine Rede von randalierenden Jugendlichen sein. Vielmehr seien friedlich Bürger unterwegs und würden vermutlich demnächst auf dem Marktplatz eintreffen. Ich könnte nur dringend empfehlen, dass sich Vertreter des Rates der Stadt dort dem Gespräch stellten. Vor allem aber müsse es bei der Verabredung bleiben, dass keine Polizei zum Einsatz käme. Das letztere bestätigte Dr. Schulz ausdrücklich.

Ich fuhr dann in die Breitscheidtstraße. Dort sah ich zwischen Petershagenallee und Anklamer Straße Einsatzwagen der Polizei, die offensichtlich warteten. Ich stellte meinen PKW dort ab. Inzwischen traf die Demonstration in der Petershagenallee ein. Ich reihte mich ein und wir gingen weiter bis zum Marktplatz. Dort erwarteten uns vor dem Rathauseingang Dr. Schulz und Dr. Jonas vom Rat der Stadt. Es war ein Mikrofon (oder mehrere?) vorhanden, so dass ein für alle verständlicher Austausch möglich war.

Nachdem noch einzelne Sprechchöre von der Demonstration verklungen waren, fand ein mehr oder weniger lebhafter Austausch von Forderungen und Argumenten statt. Das dauerte ungefähr bis 20 oder 20.30 Uhr. Inzwischen waren etliche Demonstranten nach Hause gegangen. Aber ein großer Teil verfolgte natürlich die Diskussion und beteiligte sich lebhaft und offensiv, aber eigentlich nicht aggressiv.

Schließlich dachte ich, man müsste der Sache eigentlich ein konstruktives Ziel setzen. Daher suchte ich zunächst nach Sup. Wackwitz, den ich aber nicht mehr fand. Und auch Pf. Dr. Glöckner sah ich nur noch am Ende des Marktplatzes auf dem Weg Richtung St. Marienkirche. So wandte ich mich an den neben mir stehenden Dr. Kluge. Ich nahm an, dass er Mitglied des Gemeindekirchenrats der Kirchengemeinde St. Nikolai sei, wusste aber mit Sicherheit, dass er dort zu den aktiven Gemeindegliedern zählte. Ihn fragte ich, ob er nicht ans Mikrofon treten wolle, um alle Anwesenden für den nächsten Abend zur Fortsetzung des Gesprächs in den Dom einzuladen. Das sagte er zu und trat mit einem entsprechenden Vorschlag ans Mikrofon. Seine Einladung fand allgemeine Zustimmung. Nach kurzer Zeit löste sich der Rest der Versammlung dann auf.

Wie es von dieser Einladung dann im Laufe der nächsten Tage zu der Vereinbarung und Durchführung der Mensagespräche kam, weiß ich nicht, da ich am 19. und 20. 10. dienstlich in Potsdam und Neubrandenburg war und dann für eine Woche Urlaub verreiste.

Greifswald, am 18. Oktober 2010                               gez. Hans – M. Harder

Das Mensagespräch am 9. November 1989, am Tag als die Berliner Mauer sich öffnete, moderierten die Pfarrer Roland Springborn und Matthias Tuve. Pfarrer Springborn schreibt:

9.November 1989

 Wie ich den Greifswaldern die Öffnung der Mauer mitteilen konnte

 In Greifswald fand am 9.November 1989 das zweite öffentliche Bürgerforum in der Mensa der Universität statt. Die Verantwortlichen der Stadt suchten dafür händeringend Moderato-ren. Und wie so oft in jenen Tagen wandten sie sich an die Pastoren der Stadt. So kam es, dass Pastor Matthias Tuve von der Christusgemeinde und ich von der Kirchengemeinde St. Jakobi dieses Forum moderierten. Der Saal war knüppeldicke voll. Es war ein Präsidium aufgebaut, an dem sowohl Vertreter des Rates des Bezirkes Rostock als auch der Stadt Greifswald und auch der sich neu bildenden Gruppen wie Neues Forum Platz genommen hatten. Ringsherum an den Seiten standen mit verschränkten Armen, aber deutlich in Pose gut gebaute junge Männer in Zivil. Aber es war nicht schwer zu erraten, wo sie herkamen und wo sie hingehör-ten. Es ging in den Redebeiträgen um Grundsätzliches wie Reisefreiheit, Anspruch der Vor-herrschaft der SED, freie Wahlen, aber auch um Neid und Nichtigkeiten.

Etwa so gegen 20.30 Uhr kam Pastor Dr. Reinhard Glöckner, ein Amtsbruder von mir von der Kirchengemeinde St. Marien und gab mir einen Zettel, auf dem die Worte standen:

 Durch die Nachrichten ist soeben gekommen, dass die Grenze zur Bundesrepublik – ab sofort? – ebenso geöffnet ist, wie bisher die Grenze CSSR – BRD passierbar war.

Ich gab dieses im Saal bekannt. Alle hitzigen Diskussionen waren auf einmal nebensächlich.

Die Herren in Zivil brauchten nicht mehr einzugreifen. Die Menschen strömten aus dem Saal und wollten so schnell wie möglich nach Hause, um diese Nachricht selber vor dem Fernseher oder am Radio zu hören. Etliche haben sich auch sofort auf den Weg nach Berlin gemacht.

„Ein geiler Augenblick“ wie eines meiner Kinder sagte.

 Roland Springborn

Zettel vom 9. November 1989:

Zettel 9-11-1989

SPD 10 Jahre

10 Jahre SPD 2

 Die Neugründung der Sozialdemokratischen Partei im Norden

Hinrich Kuessner

Im Norden begannen die Demonstrationen erst spät im Herbst 89. Die erste Demonstration auf dem Gebiet des heutigen Mecklenburg-Vorpommerns war am 18. Oktober 1989 in Greifswald. Die Gründung der ersten Anti-SED-Partei, der SDP, zeigt, dass auch im Norden schon vor dem Herbst 89 Menschen an der Beseitigung des ewigen Führungsanspruchs der SED arbeiteten. Alle drei Verfasser des Aufrufs vom 24.Juli 1989 zur Bildung einer Initiativgruppe mit dem Ziel, eine Sozialdemokratische Partei in der DDR ins Leben zu rufen, haben zeitweise im Norden gearbeitet und sich in dieser Zeit politisch in kirchlichen Oppositionsgruppen betätigt. Arndt Noack wurde auf der Gründungsveranstaltung am 7. Oktober in Schwante in den Vorstand gewählt. Er war 1989 als Studentenpfarrer in Greifswald tätig. Er hat am 16. Oktober 1989 den ersten Ortsverein der SDP im Norden in Greifswald gegründet. Am 27. Oktober folgte die Gründung der SDP in Neubrandenburg, im November in Rostock, Wismar und Schwerin. Im dünn besiedelten Norden war es nicht einfach Parteistrukturen aufzubauen. Alles, was die Blockparteien in der DDR hatten, stand der SDP nicht zur Verfügung: Parteibüros, hauptamtliche Mitarbeiter, Zeitungen, Vervielfältigungsmöglichkeiten, Telefone, Fahrzeuge etc. Selbst einfaches Schreibmaschinenpapier konnte man in Geschäften nicht einfach kaufen, schon gar nicht in großen Mengen.  Kirchengemeinden hatten auch zu DDR-Zeiten gute Kontakte zu Kirchengemeinden im Westen. Zu den Geschenken aus dem Westen gehörten auch Vervielfältigungsgeräte. An vielen Orten konnten oppositionelle Gruppen diese Geräte nutzen.

Alle Aktivitäten im Jahr 1989 und bis zum März 1990 wurden durch keinen Apparat gesteuert und geschahen zumeist auf private Kosten. Erst nach der Volkskammerwahl am 18. März 1990 konnte die SPD Mitarbeiter einstellen. Alles geschah bis dahin neben der Arbeit vor allem an Abenden, in Nächten und am Wochenende. Es machten viele mit, nicht alle wurden SDP-Mitglieder. Aber nachdem auch im Norden die Demonstrationen und viele Gesprächsforen liefen, waren Sozialdemokraten gefragt. Im Herbst 89 arbeiteten die neuen Gruppen eng zusammen. In Greifswald waren das neben der SDP das Neue Forum und die Unabhängigen Studenten. Wir bildeten gemeinsame Arbeitsgruppen, bereiteten Demonstrationen, Kundgebungen und Mensagespräche vor. Die Besetzung der Kreisämter der SED und der Staatssicherheit am 4. Dezember war eine gemeinsame Aktion des Neuen Forums und der SDP. Die CDU der DDR war damals nicht dabei. Sie war Blockpartei unter der Regie der SED. Einzelne CDU-Mitglieder waren bei den Demonstrationen dabei. Mancher Spitzenkandidat auf den Wahllisten der CDU wagte sich erst nach vorne, als es klar war, dass die Demokratie in der DDR eine Chance hat. Unter dem Schutzschirm von Helmut Kohl behaupteten sie dann, dass die SPD den DDR-Sozialismus erhalten wolle.

Nach dem Fall der Mauer am 9. November 1989 verbesserten sich die Bedingungen für die Parteiarbeit in vielen SPD-Ortsvereinen. Zahlreiche SPD-Genossinnen und Genossen kamen aus Hamburg, Schleswig-Holstein und anderen Teilen der Bundesrepublik. Mit dem Wort Genossen hatten wir große Probleme, denn das war die Anrede der SED-Genossen. Wir nannten uns Parteifreundinnen und Freunde. Manche Westgenossen kamen auch zufällig zu uns in den Norden. Aus NRW wollten einige nach Brandenburg und landeten in Neubrandenburg. Die Kenntnisse der DDR-Geographie waren bei vielen im Westen sehr lückenhaft. So gab es einige fröhliche Überraschungen. Die Westgenossen brachten Papier, Schreibmaschinen, Vervielfältigungsgeräte, Informationsmaterial und vieles mehr mit. Sie waren vor allem Gesprächspartner. Viele von uns haben schöne Erinnerungen an diese Besuche.

Als der Führungsanspruch der SED am 1. Dezember 1989 von der Volkskammer aus der Verfassung gestrichen und der Wahltermin für die Volkskammer und die kommunalen Vertretungen zunächst für Mai 1990 verkündet wurde, ging es an die Vorbereitung der Wahlen. In Greifswald gab es seit November 1989 z.B. eine Arbeitsgruppe „Wahlgesetzgebung“. Sehr früh zog der Vorsitzende dieser Gruppe durch die Dörfer um Greifswald herum und erläuterte, wie man demokratisch wählt. Denn bisher kannten DDR-Bürger nur ein Zettelfalten bei Wahlen. Das erste SPD-Forum fand in Greifswald am 3. Januar 1990 statt. Rund 400 Menschen kamen. Die nächsten Foren waren am 7. Februar mit Klaus von Dohnanyi/Hamburg und am 26. Februar mit Hans Wiesen/Kiel und Prof. Dr. Peter Kauffold/Rostock zu Fragen der Landwirtschaft. Immer waren alle Veranstaltungen gut besucht. Am 2. und 10. Januar 1990 erschienen Greifswalder Notausgaben. Am 16. Februar 1990 erschien die erste Ausgabe der Vorpommerschen Rundschau. Zwei weitere Ausgaben folgten.

Am 3. Februar 1990 wurde in Stralsund auf dem Parteitag des SPD-Bezirkes Rostock Ingo Richter zum Vorsitzenden gewählt. Am 17. Februar 1990 wählten wir in Ribnitz-Damgarten die Kandidaten für die Volkskammer. Es wurde noch abgestimmt mit Stimmzettel und geheim über Plätze, die auch bei absoluter Mehrheit keine Chance hatten. Schon am 9. März 1990 gründeten wir den Landesverband Mecklenburg-Vorpommern und wählten in Güstrow Harald Ringstorff zum Vorsitzenden.

Enttäuschend war für uns das Ergebnis der Volkskammerwahl. Einen Tag vor der Wahl gab es schon eine Erschütterung. Mit Willy Brandt hatten wir eine Wahlveranstaltung auf dem Greifswalder Markt. Kurz vorher kam Gottfried Timm und erzählte, dass ein ehemaliger Stasioffizier ihm berichtet hat, dass Ibrahim Böhme Stasispitzel sei. Er meinte, dass man diese Information ernst nehmen müsse. Am 17. März glaubten wir noch, dass wir Wahlsieger werden könnten. Dass Ibrahim Böhme dann nicht als Ministerpräsident in Frage kam, war neben der Wahlenttäuschung eine Erleichterung.

Erinnerungen von Hinrich Kuessner

In der Johanna-Odebrecht-Stiftung hatte sich im Sommer 1989 eine Gruppe gebildet, die sich für Änderungen in der DDR einsetzen wollte. Aus dieser Gruppe kam früh die Forderung, dass wir auch in Greifswald zu Demonstrationen aufrufen. Nach mehreren vergeblichen Versuchen nahm Superintendent Wackwitz diesen Anstoß auf und es kam am 18. Oktober zum ersten Friedengebet im Dom. Abends hatten wir uns zu einer Besprechung verabredet. Die Handwerker Hans-Jürgen Ollinger und Dieter Brandenburg kamen ganz begeistert und erzählten, wie sie die erste Demonstration nach der Veranstaltung im Dom in Gang gebracht hatten. Ich selbst hatte das nicht mitbekommen, weil ich im Dom mit Leuten diskutierte über Aktivitäten des Neuen Forums in Greifswald.

Im Dezember, als ich froh von einer gelungenen Demonstration nach Hause gehen wollte, traf ich eine bekannte MS-Kranke. Sie klagte mir ihr Leid, dass sie gar nicht weiß, wie es jetzt weiter geht. Sie braucht Hilfe und weiß nicht, an wen sie sich wenden kann. Alle sind verunsichert und haben mit sich selbst zu tun. Für sie, die ihren Alltag nicht immer alleine bewältigen kann, hat keiner ein Ohr. Das war für mich der Anstoß Selbsthilfegruppen für MS-Kranke zu gründen. Wir hatten in den letzten Jahren einmal im Jahr MS-Kranke und ihre Angehörigen zu einer Tagung in die Christuskirche eingeladen. Mit der Deutschen Multiple-Sklerose-Gesellschaft in München hatte ich Kontakt. Von dort ließ ich mir Adressen von MS-Kranken geben. Besonders zusammen mit einer Ärztin aus Sachsen-Anhalt, die selbst an MS erkrankt war, bereitete ich die Gründung einer Deutschen Multiple-Sklerose-Gesellschaft in der DDR vor. Die Gründungsveranstaltung fand in einem evangelischen Gemeindezentrum in Berlin am 3. März 1990 statt. Danach bildeten sich überall in der DDR sehr schnell Selbsthilfegruppen.

Ab November gab es nach den Demonstrationen Kundgebungen auf dem Markt. Man konnte an das Mikrofon gehen und reden. Es gab keine vorher festgesetzte Rednerliste. So konnte es auch passieren, dass auf der Kundgebung am 22. November eine psychisch kranke Frau an das Mikrofon ging und von drastischen Problemen mit der Stasi erzählte. Diese Kundgebung stand unter dem Thema „Staatssicherheit“. Die Frau bekam viel Beifall. Aber was sie erzählte, hatte es nicht gegeben. Nur mit Mühe konnten wir sie zum Ende ihrer Rede bringen. Das ging natürlich nur mit gutem Zureden. Sonst hätten die Zuhörer lautstark protestiert.

Es war wohl in der zweiten Hälfte Januar 1990, als es auch nach der Demonstration zu einer Kundgebung kommen sollte. Mit Lothar Brandt stand ich auf dem Marktplatz. Von der SED war noch Werner Kipp da. Mehr Menschen kamen aber nicht. So hatten sich die Kundgebungen erledigt.

Frau Christel Fermum schreibt:

Über die Besetzung des Stasi-Gebäudes, die für den 4.12. geplant war, erfuhr ich von meinem Mann, der ein Flugblatt mit nach Hause brachte; er war bei der Universität beschäftigt.  Als ich zum verabredeten Zeitpunkt in der Domstraße erschien, war der Eingang des Gebäudes bereits dicht umlagert – auf den Stufen standen brennende Kerzen, ein Symbol unserer Friedfertigkeit.

Herr Dr. Poldrack und Herr Dr. Salewski stellten eine Liste mit interessierten Anwesenden auf, die das Stasi-Gebäude besetzen sollten, abwechselnd in festgelegten Zeitabständen, um die Bewegungen dort vor Ort zu dokumentieren. Damit sollte verhindert werden, dass Dokumente beiseite geschafft oder verbrannt würden.

Auf diese Art kam ich ins Stasigebäude und beobachtete mit noch einem Bürger – wir waren also zu zweit, jeder auf einem anderen Flur. Auf einem Stuhl sitzend beobachtete ich die Bewegungen der Mitarbeiter, ich notierte und registrierte – es gab nicht viel zu sehen und zu hören – es war relativ ruhig. Einige Mitarbeiter verließen eingeschüchtert das Haus, und draußen wurden sie von der Menge mit Buh-Rufen empfangen. Es blieb aber alles ruhig und friedlich. Vom 4.12. bis 16.12.89 wurde das Gebäude rund um die Uhr, Tag und Nacht von Bürgern bewacht.

An diesem Tag erfuhr ich auch von einem Untersuchungsausschuss, der in der Domstraße 39 sein Domizil haben sollte, ehemaliges Büro der Nationalen Front. Hier wurde eine Möglichkeit für die Bürger geschaffen, um in dieser aufregenden Zeit einen Anlaufpunkt zu haben.

Bei Frau Kuessner, die bereits ab dem 7.12. den Bürgern dort zu diesem Zweck täglich von 15.00 – 19.00 Uhr zur Verfügung stand, meldete ich mich telefonisch und bot meine Mitarbeit an, die dankend angenommen wurde. Ich war damals nicht berufstätig.

Da die Räumlichkeiten in der spärlich beleuchteten Domstraße eine sehr düstere, bedrückende und gespenstische Atmosphäre verbreiteten – Enge und wenig Licht, wenig vertrauenserweckend aussah – unterstützte mich nach einer Woche meiner Tätigkeit mein Mann, indem er sich im Nebenraum des Büros aufhielt, natürlich bei geöffnetem Türspalt.  Man wusste ja nie, ist es Opfer oder Täter, Freund oder Feind, der hier auftauchte. Ich fühlte mich dadurch sicherer.

Frau Kuessner und ich haben in der Zeit vom 7.12.89 – 9.2.90 insgesamt 86 Vorgänge registriert, es kamen tatsächlich Opfer und Täter.

 Einige Beispiele:

 

  • 1.  Meldung aus der Bau-Abteilung der Post:

Am 7.12.,8.30 Uhr – im Keller der Zivilverteidigung in der Post arbeitet der Reißwolf in Anwesenheit der Kaderleiterin und eines Mitarbeiters der ZV.

 2. Eine Frau aus Schönwalde II meldet: 

In der Lise-Meitner-Str. werden 3 Räume von der Stasi belegt für Kontaktbegegnungen.

 3. Anonymer Notizzettel:

Im RWN Gützkow werden Panzerteile repariert, bewacht von der VP. Dieser Betrieb soll vor 6 – 7 Jahren in den Nahen Osten geliefert haben – dieser Betrieb ist als Rüstungsbetrieb allgemein bekannt.

 4. Ein Bürger mahnt in einem Statement zur Besonnenheit und warnt vor Aufdeckung von Namen der Mitarbeiter des MfS – er fürchtet eine weitere Eskalation des Geschehens.

 5. Ein Bürger bittet um Rehabilitation für seinen Vater und 2 Studienräte, die im Internierungslager Neubrandenburg 1945/46 inhaftiert waren.

6. Mitarbeiter der Uni melden den Verdacht, daß Dienstpost unterschlagen wurde, z.B. berufswichtige wissenschaftliche Zeitschriften kommen nicht an, man beschwert sich über das schikanöse Verhalten… etliche Besucher möchten ihre Stasi-Akte einsehen..

 7. Ein Bürger meldet sich als Opfer des Stalinismus – ihm wurde nachgewiesen, dass er das Land verlassen wollte – zur Verhandlung waren nicht einmal seine Eltern zugelassen – 3 1/2 Jahre Haft, er wurde aber vorzeitig entlassen….

 8. Einige Bürger beklagten sich, nach Jahren noch immer keinen Telefonanschluss bekommen zu haben trotz Dringlichkeitsbescheinigung….

 9. Ein Bürger belegt anhand von Fakten die Wahlfälschung vom 6.5.89…

10. Eine Familie informiert über den Amtsmissbrauch des ehem. OB in bezug auf einen Wohnungstausch….

 11. Es wird hingewiesen auf geheime Verstecke der Stasi und Waffenschiebereien am Raketenstandort im Wald von Hanshagen….

12.  Ein Stasi-Mitarbeiter beschwerte sich, daß er keinen Lohn mehr erhält….

Afrikanisches Sprichwort:

„Wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun, können sie das Gesicht der Welt verändern.“

Hans-Jürgen Schumacher war 1989/90 Gebietsredakteur des “Demokraten”, der Zeitung der CDU in der DDR. Er schreibt:

Von Vorwendezeit, Wendebegeisterung und Wendeknick

Erinnerungen eines Journalisten/Autors an eine anstrengende und aufregende Zeit

 von Hans-Jürgen Schumacher

 Revolutionen, ob friedlich oder blutig, waren noch nie etwas für Weicheier. Zumeist wird im Zuge der explodierenden gesellschaftlichen Entwicklung das berufliche und private Leben der Menschen völlig auf den Kopf gestellt. Man kommt aus einer Revolution immer anders heraus, als wie man reingegangen ist.

Ich bin kein revolutionären Typ und viele meiner Verwandten und Freunde waren es auch nicht, weshalb ich nie direkten Kontakt mit Revolutionären von rechts oder links, oben oder unten hatte. Dass nun viele der „Wenderevolutionäre“ in den neuen Bürgerrechtsbewegung evangelische Geistliche waren, ist ein auf den ersten Blick ein Witz der Geschichte, auf den zweiten Blick ein Segen für den Verlauf der sogenannte friedlichen Revolution von 1989/90 gewesen und auf den dritten Blick wohl eine geschichtliche Gesetzmäßigkeit, denn wenn es in der Gesellschaft richtig kracht, sind die Kirchen voll. Geht’s den Leuten wieder gut, sind die Kirchen leer.

Die wahre Wende, der ideologische und gesellschaftliche Umbruch allerdings war im Herbst ’89 kurze Zeit. Eigentlich lediglich der Zeitraum von den ersten Montagsdemos in Leipzig, bis zum Fall der Mauer am 9. November 1989. Danach hatte das Volk in seiner Masse keine echte Lust mehr die gesellschaftlichen Missstände in der DDR so zu verändern, dass vielleicht eine neue DDR herausgekommen wäre. Ab sofort wollten alle nur noch „rüber“, die 100 D-Mark Begrüßungsgeld abholen und als sie zurückkamen riefen sie nicht mehr: „Wir sind das Volk!“, sondern „Wir sind ein Volk!“. Und die Stasi-Schornsteine rauchten, derweil das Volk auf dem Kuhdamm flanierte. Es war klar, dass nach dieser bunten Kapitalismusschau jedermann die D-Mark wollte, um nach- und aufzuholen, was an Reisen und Konsum in der DDR gefehlt hatte.

Ich stamme aus einer der wenigen, von der DDR gestatteten, bürgerlichen privatwirtschaftlichen Unternehmerschichten. Mein Vater war mit seinen 12 Mitarbeitern Privatbetrieb im ideologischen DDR-Sinne ein lupenreiner Kapitalist. Die Familie stammte väterlicherseits aus Hinterpommern (was man in der DDR niemals sagen durfte), die Familie flüchtete vor der Roten Armee, ließ sich in Vorpommern nieder, um später weiter in Richtung Westen ziehen zu können. Ein Ansinnen welches Tausende von Kriegsflüchtlingen und Vertriebene damals verfolgten. Doch man wurde hier ansässig, heiratete, Kinder kamen, die Arbeit war sicher, man arrangierte sich mit der Gesellschaft, selbst als die Mauer gebaut und die innerdeutsche Grenze gezogen wurden blieben meine Eltern hier. Und doch lebten sie nach innen, in bewusster Abgrenzung nach außen, eine bewusst gelebte Insel der Bürgerlichkeit, mit allen dazugehörigen Klischees, Vor- und Nachteilen. Vor allem die völlig gegensätzliche Weltanschauung eines kommunistisch geprägten Materialismus, samt seiner marxistischen Lehre, in fast allen gesellschaftlichen Bereichen, machte der christlichen liberal-konservativen Familien zu schaffen. Die Konsequenz war, dass man über das Leben „draußen“ am Familientisch anders sprach, als in der Schule oder unter den Bekannten. Wir hatten dreimal in der Woche eine Putzfrau zu Gast. Das war nicht nur bürgerliche Lebensweise, sondern bei einem Großhaushalt mit vier Kindern, plus im Haus mitlebenden Großeltern, eine Notwendigkeit. Auch eine Nähfrau wurde im damaligen Altersheim „Graues Kloster“ (heute Pommersches Landesmuseum) öfter aufgesucht, für das proletarisch Umfeld eine Skurrilität. Wir pflegen bürgerliche Hausmusik und zogen uns zum sonntäglichen Kirchgang gepflegt-seriös an. Ich als Kind zeitweilig im zu dieser Zeit völlig abwegigen Matrosenanzug, das optische Erkennungsmerkmal großbürgerlicher Kinder, später immerhin noch mit weißen Kniestrümpfen. Wir pflegten Kontakte zu weltanschaulich ähnlich gelagerten bürgerliche Familien aus dem intellektuellen Mittelstand (Familie Dr. Alfred Donner, Superintendent Dietrich Zarnekow, Angelika Petershagen, die Frau des legendären Greifswalder Stadtkommandanten, sowie fast die gesamte privatwirtschaftliche Bevölkerungsschicht). Natürlich verweigerten wir aus weltanschaulichen und politischen Gründen die DDR-Jugendweihe, womit ein Weiterkommen auf der EOS (Erweiterte Oberschule, das DDR-Gymnasium) natürlich erledigt war. Es war später klar, dass ich beruflich in diese oder ähnliche Fußstapfen treten würde, was 1974 mit meinem Eintritt in die Greifswalder Universitäts- und Ratsbuchhandlung auch Wirklichkeit wurde. Später, 1980, verweigerte ich eine weiterführende berufliche Fortbildung des Staatlichen Buchhandels, scherte aus dem sogenannten Volksbuchhandel aus und nahm eine Tätigkeit im Kirchlichen Buchversand in Magdeburg auf. Dort lernte ich meine Ex-Frau kennen. Als ich wieder nach Greifswald zurückkehrte, wurde mir aufgrund meiner vorrübergehenden Tätigkeit „bei der Kirche“ die Arbeit im Volksbuchhandel verweigert. Ich wurde einer der wenigen Arbeitslosen in der DDR! Arbeitslosengeld, quasi lediglich die Fortführung der Krankenversicherung, wurde sechs Wochen gewährt, danach war Schluss. In der Regel wurde bis dahin durch das „Amt für Arbeit“ eine neue Tätigkeit für den Betroffenen besorgt. Ich war während meiner Zeit als Arbeitsloser Kirchengeldkassierer, im Auftrag des Kreiskirchen Rentamtes. Eine superinteressante Tätigkeit, die ein Buch mit Anekdoten hätte füllen könnte. In der atheistischen DDR an Haustüren klingeln, um Kirchensteuern einzusammeln, war unglaublich spannend. Einmal traf ich eine Frau, die im Kreise ihrer Stasi-Angehörigen Geburtstag feierte und selbstbewusst wie Bolle vor den staunenden Vertreter der DDR-Geheimpolizei mir die Kirchensteuer in Bar aushändigte. 20 Prozent der Einnahmen konnte ich behalten, so rettete ich mich finanziell über die Runden, bis ich vom „Amt für Arbeit“ im „Sozialistischen Großhandelsbetrieb Kulturwaren und Sportartikel“ als Verkaufsdisponent angestellt wurde. Das alles fand in den Jahren 1980/81 statt. Ich war Mitglied der Jungen Gemeinde, war vorsichtig kritisch der DDR gegenüber eingestellt, aber keineswegs ein Aufrührer mit Ausreiseantrag oder Provokationen wie zu den 1. Mai-Demonstrationen, die sich lediglich darin erschöpften, Westjeans zu den verordneten Demos anzuziehen und mit einer Alkoholfahne zu den Stellplatzen zu erscheinen. Ich lebte sorglos, die DDR gab dazu die Sicherheit.

Nach weiteren beruflichen Veränderungen stieg ich im März 1988 als Lokalredakteur bei der Ost-CDU Tageszeitung „Der Demokrat“ ein. Viele, vor allem christlich gebundene Menschen, gingen in die CDU, wenn sie sich gesellschaftlichen engagieren wollten, aber nicht in die SED eintreten wollten. Dann ließ die SED sie in Ruhe. Es waren aber auch kirchlich gebundene Zeitgenossen, Theologen und intellektuelle Mittelständler in dieser Partei. Die Ost-CDU suchte gesellschaftliche Nischen und fand sie zumeist in kirchlichen oder halbkirchlichen Betätigungsfeldern. Natürlich war sie, wie alle Mitglieder der Nationalen Front, der SED unterworfen und, wie sich später herausstellte, auch von der Stasi unterwandert. Ich machte als berufenen CDU-Redakteur und als Gebietsredakteur für Greifswald/Wolgast/Usedom sozusagen journalistisch die Wende mit. Dabei war ich noch im Oktober fest der Ansicht, dass „eher ein Seil durch ein Nadelöhr gehen würde“, als dass der DDR bzw. der kommunistischen Weltordnung etwas passieren würde, denn eine friedliche Revolution hatte es in der Menschheitsgeschichte bislang noch nie gegeben, demzufolge nur ein 3. Weltkrieg das eine oder andere System zum Niedergang bringen würde. Und da dies ausgeschlossen schien, würde es mit dem Gleichgewicht der Kräfte wohl ewig so weiter gehen. Als nach dem Mauerfall die ersten Landsleute in den Westen gingen traf dies auf mein Unverständnis. Warum ließen sie die Heimat im Stich, würden mit ihrem Verhalten die DDR entgültig in den Untergang reiten? Zumal zwei Tage nach dem Mauerfall, am 11.11.1989 Beate Uhse mit ihren Lkws auf dem Greifswalder Marktplatz stand und ihr Zeug als neue westliche Freiheit an uns verteilte. Doch als die Massenflucht in den Westen nicht abebbte, im Gegenteil immer mehr wurde, und immer mehr Schweinereien der DDR-Oberen ans Licht kam, schwenkte meine Stimmung um, bzw. ich erinnerte mich meiner liberal-konservativen Erziehung. Nun wurde mir klar, dass die DDR bald Geschichte sein würde und mir ging es jetzt darum, nach dem Untergang kein politisches Loch vorzufinden, was dann bekanntlich immer von den radikalen Kräften genutzt wird. Also war ich auch für eine rasche Abwicklung der DDR und fühlte mich politisch zum damaligen konservativen Wahlbündnis aus CDU/Demokratischer Aufbruch (aus dem auch Angela Merkel stammte) und der DSU (sie war damals eine CSU-nahestehende Partei und noch keine Rechtsaußenpartei) hingezogen. Nun schwenkte auch die Ost-CDU in Richtung West-CDU und trommelte für Helmut Kohl, Eberhard Diepgen und Volker Rühe, die allesamt auf dem Greifswalder Markt Wahlkampf machten.

Ich hatte damals fast alle Wende- und später Wahlkampfveranstaltungen für den „Demokrat“ mitgemacht, einschließlich der großen Vorpommerndemonstration im Dezember ’89, als kurz darüber nachgedacht wurde, ein eigenes Bundesland Vorpommern auszurufen, bzw. einen Verbund mit Brandenburg einzugehen, was nicht nur von den Bayern abgelehnt werden würde, denn Brandenburg und Pommern waren ja historisch das Kernland von Preußen. Ich sprach dazu auf einer Großdemo auf dem Alten Markt in Stralsund, doch die staatliche Unabhängigkeit von Vorpommern war eine Vision, die an der mangelnden Größe dieses Landstriches scheitern würde, einschließlich der Tatsache, dass die Oder als Friedensgrenze zu Polen unantastbar ist. Über all die aufregenden Sitzungen, Demos und Tagungen wurde nach ihrem Ende noch geschrieben, so dass ich bald an meine Belastungsgrenze stieß. Und während die „friedlichen Revolutionäre“ zu Bett gingen (oder auch nicht), schrieb ich für die nächste Tagesausgabe Artikel, die dann zu mitternächtlicher Stunde dem Spätdienst in Redaktion oder Druckerei in Rostock durchs Telefon diktiert wurde. Zwei Uhr nachts ging ich nach Haus ins Neue Ostseeviertel und meine Gedanken stießen hart an die Schädeldecke. Was passiert gerade in diesem Land? Welche Konsequenzen wird das haben? Wo werden wir uns alle wiederfinden? Wo stehe ich persönlich? Nimmt eine Revolution überhaupt Rücksicht auf die einfachen Menschen, oder profitieren davon immer nur die Reichen und die Gauner? Fragen über Fragen, die ich daheim in meinem Bett nur mit Hilfe von Schlaftabletten abstellen konnte, denn am Morgen ging es ja weiter… Ich gebe zu, in dieser Zeit gezwungenermaßen Schlaftablettenabhängig geworden zu sein, was ich erst nach der Wende stationär abstellen konnte. Und dann kam nebenbei noch etwas aus der emotional-gedanklichen Versenkung ans Tageslicht: Ich musste plötzlich Gedichte schreiben! Über mich, über die Zeit, über die Liebe, über Gott und die Welt, praktisch über alles. Selbstfindungslyrik nennt man das. Keine Ahnung weshalb jetzt und warum. Es floss nur so aus mir heraus und Gedichte muß man, im Gegensatz zur Prosa, sofort aufschreiben, sonst sind sie für immer weg. Zeitweilig fühlte ich mich fremdgesteuert und völlig neben der Spur. Würde es denn auch mal wieder ruhiger werden? Ich betätigte mich also neben meiner hauptamtlichen beruflichen Tätigkeit als Journalist und Redakteur auch noch als ehrenamtlicher Lyriker, machte in der unwegsamen Wendezeit Lyriklesungen, weil ich musste. Mitten im Wendewust, im Dezember 1989 fuhr ich nach Berlin zu einem hauptamtlichen EVA-(Evang. Verlagsanstalt)Lektor, Johannes Lehmann, der meine Gedichte als letzte EVA-Publikation herausbringen wollte. Wir hatten tagelang an den Texten gefeilt und der Einband war auch schon fertig, da nahm mir die Wende meinen Einstieg in die Schriftstellerei buchstäblich weg. Als letztes EVA-Buch wurde der s/w-Bildband „Keine Gewalt!“, eine Wendedokumentation bis zur bundesweiten Märzwahl 1990 herausgegeben. Danach wurde die EVA abgewickelt und startete später mit einem neuen Träger. Erst 1991 habe ich dann auf eigene Kosten – im unüberschaubaren Autorendschungel der freien Marktwirtschaft hatten die vormaligen DDR-Autoren keine Chance mehr – die Gedichte herausgebracht und mit einem befreundeten musikalischem Partner, einem Panflötenspieler, entlang der Ostseeküste in Kirchen und Buchhandlungen Lesungen gemacht. Gedichte schreibe ich auch heute noch, auch wenn ich mich im Laufe der Zeit literarisch mehr dem historischen Roman zugewandt habe. Die Grundlagen der 2014 erfolgten, künstlich aufgeschäumten Sibylla-Schwarz-Begeisterung war meiner Romanbiografie: „… die Lieb’ ist mein Beginn“ von 2007, als fast niemand die Dichterin kannte, über Leben und Werk der Pommerschen Sappho aus der Baderstraße. 2014 setzten sich ein paar findige Leute auf das Thema, machten ein Musikspektakel daraus, setzten eine Medienmaschine in Gang und kassierten ab.

Mittlerweile wissen wir alle, was von der Wende übriggeblieben ist und dass Karl Marx in (fast) allen Bereichen seiner Analyse des Kapitalismus recht hatte und recht hat. Wir hatten es zur Zeit des Staatsbürgerkundeunterrichts an den DDR-Schulen eigentlich gelernt, aber dass war alles so theoretisch und unglaubwürdig, kaum nachzuvollziehen, wenn man Arbeitslosigkeit und die anderen Gebrechen der westlichen Gesellschaft nicht kannte. Dass aber alles so kam, wie von Marx ausgerechnet, ist allerdings ein starkes Stück und erst recht kaum nachvollziehbar. Aber, so ungewöhnlich ist es nicht. Und deshalb wird die Menschheit auch nicht besser. Sie hatte den Lehren von Jesus Christus vor 2000 Jahren auch nicht geglaubt, obwohl dieser sogar Wunder vollbrachte und nachweißlich Tote (Lazarus) aufstehen ließ. Stattdessen schlug sie ihn ans Kreuz…

Das eigentliche Wunder der Wende war seine ursprüngliche Friedfertigkeit, die man für einen kurzen Zeitraum sogar riechen konnte. Normalerweise hätte aus heutiger Sicht die Wende so ablaufen müssen, wie dieser vom Westen völlig falsch bewertete „Arabische Frühling“.

War sie aber nicht, und das ist Gnade und Chance zugleich.

In der DDR lebten nur wenige Ausländer. Die Engländerin Frau Margaret Pater zog 1989 nach Greifswald. Sie lebt heute noch in unserer Stadt.

Erinnerungen an die Wendezeit

Margaret Pater

März bis Oktober 1989

 Am 16. März 1989 bin ich als Engländerin aus der Schweiz in die DDR eingereist. Nach einem Aufenthalt im „Aufnahmeheim“* war mir der ständige Wohnsitz in der DDR Anfang September 1988 genehmigt worden. Die Universität in Greifswald hatte mir eine Stelle als Übersetzerin für die Medizinische Fakultät in Aussicht gestellt. Und ich plante, mit meiner Freundin in einer noch zu suchenden gemeinsamen Wohnung zu wohnen.

Der große Transportwagen mit meinen wenigen Umzugssachen in einer Ecke erschien an der Odebrechtstiftung am Nachmittag des Karfreitags zusammen mit einem Vertreter des Zolls, der sich nur für einen Karton mit Photos interessierte „wegen der Pornographie“.

Sobald wie möglich meldete ich mich bei der Kaderabteilung der Universität. Ich könne erst anfangen zu arbeiten, wenn mir die Aufenthaltsgenehmigung ausgestellt worden wäre. Das mitgebrachte Photo konnte die Polizei dazu nicht gebrauchen – es hatte nicht das richtige Format, (ich habe nicht gefragt, ob sie keine Schere hatten) und ich musste erst zu einem Greifswalder Photographen. Nach vier Wochen hatte ich dann die Aufenthaltsgenehmigung – im Format wie der DDR-Ausweis aber rot. Nach einem Gespräch mit dem Direktor der Kinderklinik bekam ich dort ein Arbeitszimmer und durfte am 20. April 1989 meine Stelle antreten, (obgleich das normalerweise nur zum 1. oder 15. des Monats möglich war).

Die Frage der Wohnung war problematischer. Die Universität hatte nichts anzubieten – ich sollte staatlichen Wohnraum bekommen – und die Kirche auch nicht – denn meine Freundin war bei der Kirche angestellt. Einen Termin beim Wohnungsamt bekam ich erst für Mitte August.

Kaum hatte ich angefangen zu arbeiten, kam der 1. Mai. Ich fragte zwei kirchlich gebundenen Kolleginnen, was es bedeuten würde, bei der Demo mitzulaufen. Das konnten sie mir nicht erklären. Morgens im Radio hörte ich, es gäbe nur noch wenige Länder, wo man einer echten  Maidemonstration beiwohnen könne. In Bulgarien und Rumänien wurde Ostern gefeiert, in Polen wäre auch keine Demo und in Ungarn wäre ein Volksfest in einem Park vorgesehen. Da gäbe es nur noch Moskau und die DDR. Ich beschloss, in der Nähe der Mensa die Demo vorbeiziehen zu sehen.

Am 11. Juni wollte ich natürlich bei der Wiedereinweihung des Domes dabei sein. Ich stellte mich rechtzeitig an und bekam um 8.30 gerade noch einen der letzten Klapphocker für den Gottesdienst um 10 Uhr. Den stellte ich an die Wand hinter dem Kruzifix, den ich nicht besonders mag und stand dann der Bankreihe mit Honecker gegenüber. Der Chor sollte ein bestimmtes Lied laut anstimmen, falls es bei seinem Eintreffen einen Vorfall gab. Viele Chormitglieder waren mit dieser Vorsichts-maßnahme nicht zufrieden. Bei dem vollen Dom war es nicht einfach, eine gottesdienstliche Haltung zu bewahren. Ich war eigentlich nicht wegen des Honeckerbesuchs da, merkte aber, dass sogar beim Vater Unser die wenigsten um mich herum mitsprachen. Auf dem Rückweg konnte ich an der Gützkower Landstraße einen Geburtstagsstrauß mit den Margariten und Kornblumen sammeln, die für Honeckers Vorbeifahren schnell abgemäht worden waren.

Den Termin beim Wohnungsamt nahm ich im August wahr. Mir wurde mitgeteilt, dass nichts frei wäre und ich auf Bescheid warten sollte. Kollegen sagten mir, ich würde nur etwas erreichen, wenn ich jeden Dienstag zur Sprechzeit erschiene. Das habe ich dann auch häufig gemacht und ende Oktober wurde mir eine 2-Zimmer Wohnung zugewiesen. Um mit meiner Freundin zusammenziehen zu können, hatte uns die Kirche geraten, dass ich eine Wohnung beantragen sollte, die wir dann gegen eine größere tauschen könnten. Wir fanden einige Monate später tatsächlich eine Tauschmöglichkeit gegen eine Wohnung mit 2 + 2x½ Zimmern, die wir aber nicht nehmen durften, da zwei Frauen ohne Kinder nur Anspruch auf 60m² hätten. Uns wurden verschiedene 3-Zimmer Wohnungen angeboten, wir brauchten aber 4 Zimmer. Im Zuge der Wende mit den Veränderungen in der Stadtverwaltung wurden uns dann im November 1990 im letzten DDR-Block zwei kleine Nachbarwohnungen angeboten, die noch im Bau waren und Ende Januar 1991 fertig wurden.

Die Wendezeit: Oktober 1989 und danach

 Als am 7. Oktober 1989 die DDR die 40-Jahresfeier beging, hörte ich von den Demonstrationen in Berlin und von den willkürlichen Festnahmen – auch von Pfarrer Wolfgang Wilhelm, der früher am Seminar für Kirchlichen Dienst in Greifswald gearbeitet hatte. Die Vorbereitungen auf das erste Friedensgebet bekam ich auch mit: da niemand wusste, was passieren würde, sollten immer zwei Pastoren/Pastorinnen zuständig sein. Mit meiner Freundin ging ich am 18. Oktober zum  Dom. Sie hatte im Radio gehört, dass Honecker abgesetzt worden war und hoffte, die Kollegen, die das Gebet halten sollten, hätten es auch gehört. Als die spontane Demonstration danach loszog und auch da keiner wusste, wie es ausgehen würde (von Leipzig am 9.10. hatte man gehört), entschied ich, nach Hause zu gehen in der Überzeugung, die DDR-Bürger müssten eine Änderung des Systems selber bewirken. Auch am 25. 10. bin ich nicht mitgelaufen.

In der dritten Woche musste ich nach England, weil mein Vater gestorben war, aber in der vierten Woche (am 8.11.) bin auch ich nach dem Friedensgebet mitgegangen und begegnete dabei Kollegen, die das gut fanden. Es war beeindruckend, vom Dom aus durch die ganze Stadt bis zur Kaufhalle Nord zu laufen. Am Hufelandheim standen die Bewohner auf dem Balkon oder am Fenster und winkten uns zu. An der Kaufhalle Nord angekommen ging der Weg zurück in die Stadt. Ich befand mich mit dem Organisten der Katholischen Kirche, Herrn Wirsig, damals 75 Jahre alt, der wie ein junger Mann den Weg wieder zurücklegte. Ich weiß nicht mehr genau, ab wann die Route geändert wurde, weil es den Verkehr zu sehr störte, dass die Demo durch die ganze Stadt zog. Aber ziemlich bald zog die Demo nach den Friedensgebeten nur um die Innenstadt und endete auf dem Markt.

Vom 9. November an besuchte ich auch die Mensagespräche. Beeindruckend war immer die Frage zu Beginn, ob man das Risiko eingehen wollte, trotz Überfüllung des Raumes zu tagen. Die Antwort war immer „ja“. Am 9.11. hatte das Gespräch schon angefangen, als jemand mit der Nachricht hineinkam, die Mauer sei offen. Bald darauf kam dann jemand anderes und sagte, die Nachricht wurde dementiert. Dass es stimmte, erfuhr ich später am Abend aus dem Fernsehen. Ich hatte einige Tage zuvor gehört, dass ich für zukünftige Auslandsreisen ein mehrmaliges Aus- und wieder Einreisevisum beantragen könnte. Da beschloss ich, am Freitag 10.11. schnell zur Polizei zu gehen, um es zu beantragen. Ich war gar nicht auf die Idee gekommen, dass die halbe Stadt bei der Polizei sein könnte, um eine Reise zu beantragen. Die Straße war voller Menschen und die Polizei verteilte draußen in der Menge die Formulare. Ich musste meinen Weg ins Präsidium hineinkämpfen, weil ich etwas anderes wollte!

Meine Freundin war am 10. und 11.11. in Greifswald dienstlich verpflichtet. Am Sonntag 12.11. wollte sie endlich nach Berlin, ging zum Bahnhof, kaufte sich eine Fahrkarte, überlegte, dass die Fahrt hin und zurück an einem Tag sehr anstrengend war, gab die Fahrkarte zurück und kam nach Hause. Nachmittags um 14 Uhr saßen wir dann doch beide im Zug nach Berlin.

Ich hatte kein Visum, um die Grenze zu passieren, aber wir gingen etwas nach 17 Uhr schon im Dunkeln zur Oberbaumbrücke. Ich legte meine Aufenthalts-genehmigung hin, der Beamte schüttelte den Kopf und gab mir den Stempel. Am anderen Ende der Brücke waren die Apfelsinen ausgegangen und man warf den Besuchern Kartons mit Apfelsinensaft zur Begrüßung. Meine Freundin holte ihr Begrüßungsgeld – die Bank hatte auch am Sonntag um 17.45 auf – und wir begaben uns zum Potsdamer Platz, wo am Morgen die Mauersegmente entfernt wurden, damit die beiden Bürgermeister sich begegnen konnten. Dort gab es auf beiden Seiten noch viele Menschen.

Von dort gingen wir weiter zum Brandenburger Tor auf der Westseite. Da war es recht ruhig, aber, als wir wieder weg wollten, kam eine West Berliner Familie und sagte, sie wollten gerade mit dem Auto nach Hause, als sie im Radio hörten, an diesem Tag sollte das Brandenburger Tor geöffnet werden und waren gleich zurückgekommen. Von Öffnen war aber keine Spur und der einzige Kran stand etwas entfernt im Westen. Also gingen wir zum Potsdamer Platz zurück, um wieder nach Ost Berlin zu kommen. Die Grenzbeamten hatten Blumen im Knopfloch. In der Kontrollschlange sagte man meiner Freundin, dass Ihr DDR Pass abgelaufen war, sie ihn aber etwa 20 Meter weiter verlängern lassen könnte. Ich hielt wieder meine Aufenthaltsgenehmigung hin. Ein Beamter schüttelte den Kopf, während der andere sagte, „’Rin mit dem Stempel! ’Rin mit dem Stempel“ und ich war wieder im Osten. Wir wollten sehen, ob sich an der Ostseite des Brandenburger Tores etwas tat. Dort war der Pariser Platz noch abgegrenzt und wir fragten die beiden Polizisten, die dort standen, ob sie etwas von einer Öffnung gehört hatten. „Nein, sagten sie, aber manchmal geht es so schnell, dass wir kaum alles mitbekommen!“ Wir machten uns auf den Weg zum Nachtzug nach Greifswald.

Die Anfangszeit für die Friedensgebete wurde nach einigen Wochen etwas verschoben, damit die Mitarbeiter des Kernkraftwerks in Lubmin noch rechtzeitig mit dem Zug dabei sein konnten. Ich besuchte weitere Mensagespräche. Besonders beeindruckte mich an dem Abend zu den Schulen, welcher heftige Zorn gegen die Lehrer zum Ausdruck kam.

Als die Staatssicherheit auf dem  Programm stand, wollte ich mich zu Wort melden. Ich überlegte lange, wie ich mich möglichst kurz und prägnant fassen könnte. Gleich zu Beginn wurde der Vorsitzende ausgetauscht und die Leitung ging an Pfarrer Glöckner. Es meldeten sich sehr viele zu Wort und manche fanden kein Ende, zu tief waren sie durch ihre Erfahrungen mit der Staatssicherheit verletzt. Die noch anstanden und reden wollten, mussten ihr Thema aufschreiben, damit ein kleiner Ausschuss die Auswahl bestimmen konnte. Ich stand anderthalb Stunden an. Wahrscheinlich war mein Thema dem Ausschuss nicht wichtig genug. Dann sah mich Pfarrer Glöckner, der mich kannte, und rief mich ans Mikrophon. Ich stellte mich vor, sagte, dass ich früher 18 Monate auf den Wohnsitz in der Schweiz und dann auch 18 Monate auf den Wohnsitz in der DDR gewartet hatte, dass aber die Schweiz mich dazu nicht zum Verhör eingesperrt habe. Es könnten noch andere Ausländer Interesse an einen Wohnsitz in der DDR haben, wenn das Verfahren anders wäre. Dafür erntete ich Beifall und eine Erwähnung am nächsten Tag in der Zeitung.

Am 3. Dezember fand die Lichterkette an der B 96 statt. Wir dachten, in der Innenstadt würden sich genug Menschen zusammen finden und gingen in die Gützkower Landstraße bei der Ausfahrt von Greifswald. Dort war es etwas nebelig und die Kette war nicht geschlossen, aber wir freuten uns, dort Bekannte mit ihren Lichtern zu treffen – und auch, als wir hinterher hörten, es hätte Bemühungen gegeben, auch eine Lichterkette von Ost nach West zu bilden.

Nach dem Tod meines Vaters wollte ich Weihnachten 1989 in England mit meiner Mutter verbringen. Die Grenze war aber auch für meine Freundin passierbar, da konnte sie mit nach England. Silvester wollte sie bei ihrer Mutter in Berlin sein. Wir gingen am Silvesterabend auf den Pariser Platz und bis an die Mauer durch das Brandenburger Tor. Dort half die Polizei Menschen auf die Mauer zu steigen. Andere gingen durch eine neue Öffnung nach West Berlin. Ich stieg in ein Loch in der Mauer hinein und holte mir mit der Hilfe eines jungen Mannes ein größeres Stück aus der Mauer. Dann fingen die Menschen an, Feuerwerkskörper zu entzünden und beim Knallen sah ich immer die Bilder vom Tod Ceauşescus einige Tage davor in Rumänien. Ich musste da weg, noch bevor das neue Jahr 1990 angebrochen war.

Für die Volkskammerwahl am 18. März 1990 meldete sich meine Freundin als Wahlhelferin. Ich ging als Beobachterin zur Auszählung ins Wahllokal. Als dann für die Landtagswahl am 14. Oktober Wahlhelfer gesucht wurden, dachte ich, ich sollte anfangen, das neue System kennenzulernen und meldete mich. Die Schulung im Rathaus habe ich auch besucht und einen interessanten Wahltag verbracht. (Einige Wahlen später entdeckte ich, dass man als Helfer nur bei solchen Wahlen dabei sein darf, wo man auch stimmberechtigt ist. Damit war ich als Britin bei den meisten Wahlen seither auch vom Helfen ausgeschlossen.)

Als am Sonntag, 1. Juli 1990 die D-Mark eingeführt wurde, gingen auch wir gleich zur Bank. Wir konnten dadurch noch vor der Wiedervereinigung einen Urlaub im Allgäu verbringen.

Mit der Wiedervereinigung fing auch die Umgestaltung der Universität zu einer „West-Universität“ an. Alle mussten auf einem Formular für die Ehrenkommission erklären, ob sie für das Ministerium für Staatssicherheit tätig gewesen waren. Bei der Umstrukturierung wurden auch Stellen an der Universität gekürzt. Alle, die durch die Ehrenkommission durchkamen, mussten sich für die verbleibenden Stellen neu bewerben. Ziemlich ungerecht fand ich die akademische Beurteilung durch den Wissenschaftsrat, die sich darauf stützte, wie viele Veröffentlichungen Forscher in akademischen Zeitschriften vorweisen konnten. Das Kriterium berücksichtigte nicht, wie in der DDR eine Genehmigung zur Veröffentlichung zustande kam – oder nicht. Eine West-Universität habe keinen Übersetzer, wurde mir erklärt. Forscher, die Übersetzungen brauchten, müssten sie außerhalb des Systems selber bezahlen. So wurde ich Ende 1992 (mit anderen) „abgewickelt“.

* Das ganze Verfahren, um den Aufenthalt in der DDR genehmigt zu bekommen, wäre ein weiteres Kapitel!

Und jetzt kommt das weitere Kapitel.

Mein Weg zum Wohnsitz in der DDR

(1987-1989)

Margaret Pater

Vorgeschichte

 Nachdem ich meine Freundin in Greifswald 1981 kennengelernt hatte, entwickelte sich allmählich die Idee, in der DDR zu leben und zu arbeiten. Zuerst erschien mir das „einfacher“ unter dem Schutz der Kirche, aber die Erkundungen zeigten, dass mein berufliches Angebot als englische Dolmetscherin und Übersetzerin in das kirchliche Schema nicht passte. Auch die Idee, dass ich in West Berlin und meine Freundin in Ost Berlin arbeiten könnten, musste ich verwerfen, denn ich hätte es nicht ertragen, ständig mit der Grenze vor Augen zu leben, die ich passieren konnte und andere nicht.

Also erkundigte sich meine Freundin beim Stellvertretenden Oberbürgermeister für Inneres, Herrn Dr. Schulz, in Greifswald nach anderen Möglichkeiten. Er sagte, ich müsse einen Antrag bei der DDR-Botschaft in dem Land stellen, wo ich lebte – also bei der Botschaft in Bern, da ich damals in der Schweiz wohnte. Gleichzeitig erkundigte er sich nach Arbeitsmöglichkeiten für mich bei der Universität. Eine Stelle als Dozentin für Anglistik lehnte ich ab, da wurde mir eine Stelle als Übersetzerin für die Medizinische Fakultät angeboten.

Der Antrag

 Von der DDR-Botschaft in Bern bekam ich das Formular, um den Antrag zu stellen: 8 Seiten und dazu eine Begründung für den Antrag erbeten. Bei einigen der Fragen war mit deren Absicht nicht ganz klar, z.B. sollte ich Angaben zu meinem Vermögen machen, hatte aber nicht vor, meine Ersparnisse in der Schweiz in Mark der DDR umzutauschen. Ich bekam einen Termin beim Konsul in Bern, der meine Fragen beantwortete. Die Frage zum Vermögen sollte sicherstellen, dass „der Antrag keine Flucht vor einer gescheiterten Existenz in Westen war“.

Ich sollte auch Namen und Adressen von Verwandten und Bekannten in der ganzen Welt angeben! Ich entschied mich für die nächsten Familienangehörigen, die Bekannten in der DDR, die von meiner Absicht wussten, und einige wenige Beispiele von Freunden in anderen Ländern. Dazu schrieb ich, dass ich berufsbedingt Freunde und Bekannte in vielen Ländern der Welt habe. Im Mai 1987 schickte ich den Antrag ab. Ich fragte ab und zu bei der Botschaft nach, aber auch nach einem Jahr hatte ich keine Antwort erhalten. Bei einem Besuch in Greifswald konnte ich mit Herrn Dr. Schulz sprechen. Bald darauf (Ende Mai 1988) kam ein Anruf von der Botschaft, ich sollte „zur weiteren Bearbeitung meines Antrags“ ins Aufnahmeheim der DDR und wann ich kommen würde. Ich fragte, wie lange diese Bearbeitung dauern würde, weil ich Urlaub von meiner Arbeitsstelle nehmen müsste. Das wusste man nicht und der Konsul wäre „gerade für sechs Wochen verreist“. Ich bat um weitere Klärung, um danach einen Termin angeben zu können. Nur einige Tage später kam der nächste Anruf: ich würde dafür ein Visum für zwei Wochen bekommen. Ich sagte, ich gehe also davon aus, dass die Bearbeitung zwei Wochen dauern wird.

Anfang August 1988 hatte ich dienstlich in Hannover zu tun und erklärte mich bereit, danach am 21. August zum Aufnahmeheim zu fahren. Ich erhielt das Visum und eine Erklärung, die ich unterschreiben musste, dass ich „auf dem direktesten Weg ohne Aufenthalt“ hinfahren würde. Ich erkundigte mich nach der Adresse, denn mir schien „Zentrales Aufnahmeheim, Zepernick, Kreis Bernau“ etwas zu wenig. Das würde ich bei der Einreise gesagte bekommen. Meine Freundin war in Thüringen im Urlaub und ich wollte mit dem Auto einreisen. Sie wollte mich auf dem Weg nach Zepernick begleiten und ich bin über Duderstadt eingereist. Ich wollte nicht von einer Autobahn herunter, um sie zu mitzunehmen. (Auch dort an der Grenze bekam ich keine Auskunft zu der Adresse.)  Wir fuhren von Leinefelde möglichst schnell Richtung Bernau. Sie wollte am selben Tag wieder nach Thüringen zu ihrem Urlaubsquartier und musste mit der S-Bahn nach Berlin hinein. Wir hielten am S-Bahnhof Röntgental und ich fragte die Bahnbeamtin, ob sie von einem Aufnahmeheim wusste. Sie sagte mir: Wenn Sie nach links bis zum Ende der Straße gehen, ist es dort in der Nähe, „aber so weit bin ich nie gegangen“.

Das Aufnahmeheim

Ich fuhr bis ans Ende der Straße – vor mir ein Wald, links keine richtige Straße, so fuhr ich nach rechts an einer weißen Wand entlang. Halten durfte man nicht, aber bald war die Wand zu Ende und ich war außerhalb des Ortes. Ich hatte in der Wand keinen Eingang erkennen können. Also fuhr ich wieder zurück, aber die Straße wurde zu einem Sandweg. Noch mal gewendet und ich fragte einen Mann, der in seinem Garten arbeitete. Ja, er hätte mal gesehen, dass ein Auto da hinein fuhr, da müsste eine Öffnung sein. Ich stellte das Auto ab und ging nur mit der Handtasche an die weiße Wand, in welcher ich dann eine weiße Klingel entdeckte. Ich erklärte, warum ich geklingelt hatte und durfte mit dem Auto durch das Tor fahren und halten. Dann kam ein Herr mit einer Aktentasche und bat mich in eine Baracke, um mich aufzunehmen. Dabei sagte er, „und wenn das Zoll für Ihr Auto kommt…“ Ich fragte, wieso das Zoll? „Sie reisen in die DDR ein.“ Ich erklärte, dass mir gesagt worden war, ich bekäme ein Visum für zwei Wochen und das Ergebnis würde mir hinterher durch die Botschaft mitgeteilt werden. Es wurde mir klar, dass das nicht das gewohnte Verfahren war.

Dann musste ich hinter dem Herrn her ein Stück durch das Gelände fahren, um das Auto abzustellen. „Haben Sie einen Schraubenzieher?“ Die Nummernschilder mussten abmontiert werden, „damit man nicht erkennt, woher das Auto kommt.“ An meinem Auto stand aber noch „CH“ und am Nachbarauto „B“. Mir wurde klar, dass ich bis zum Ende des Verfahrens nicht wieder an mein Auto kommen würde und ich musste ziemlich viel Gepäck ausladen. Ich wurde zu einem weißen Haus mitten auf dem Gelände geführt – Haustür abgeschlossen, Zahlenschloss auf der Treppe, das Büro im 1. Stock auch mit Schlüssel zu öffnen. Dort wurden noch einige Fragen gestellt und mir insgesamt 12 Objekte abgenommen – Nummernschilder, Pass, Führerschein, Autoschlüssel, usw. Der Herr tippte eine Liste auf der Schreibmaschine, aber ich bekam keine Kopie.

Es ging wieder mit meinem Gepäck die Treppe herunter und weiter über das Gelände an die Heizungsröhre vorbei in die zweite von vier Baracken. Dort wurde ich von einer Dame in Empfang genommen. Sie erklärte mir die Hausordnung: Es gab dort ein Esszimmer, einen Aufenthaltsraum mit DDR-Fernsehen und eine Sitzküche. Dahin würde das Essen gebracht. Jede/r bekäme für jeden Tag auf einer Liste eine Gemeinschaftsaufgabe (Saubermachen). Das Taschengeld betrug pro Tag 2 Mark der DDR und für die freiwillige Arbeit gab es 3 Mark die Stunde, die man selber aufschreiben durfte. Einmal die Woche wurde für eine Stunde ein kleines Geschäft geöffnet – es gab Postkarten und Briefmarken, einmal sogar Wassermelone – und auch eine Stunde die Woche eine kleine Bibliothek, um Bücher auszuleihen. An der ersten Baracke (die Baracke der Betreuer) war außen ein Münztelefon für Gespräche innerhalb der DDR. Mit einem formlosen, schriftlichen Antrag konnte man Besuch anmelden. („Wir haben nur einen Raum dafür.“) Zum Gelände hinter den Heizungsröhren durften wir nicht hin, außer wir wären zum „Gespräch“ bestellt. Ich sollte gleich am nächsten Morgen um 7 Uhr für die ärztliche Untersuchung erscheinen.

Dann wurde ich in die vierte Baracke zu meinem Zimmer geführt. Ich bekam ein großes Zimmer mit drei Betten und drei Kleiderschränken! Es hatte auch Aussicht auf den doppelten Zaun um das Gelände, der nachts immer gut beleuchtet war. Auf dem Fußboden lagen viele lange schwarze Haare. Vor mir war offensichtlich eine langhaarige Frau in dem Zimmer gewesen. Also übte ich mich gleich im Sauber-machen.

Ich erschien dann am Montag um 7 Uhr zur ärztlichen Untersuchung. „Wir müssen Ihnen gleich Blut abnehmen wegen AIDS.“ Ansonsten war daran nichts Außergewöhnliches. Am frühen Nachmittag durfte ich auch zum ersten „Gespräch“ in das gut abgeschlossene Haus in der Geländemitte. Befragt wurde ich von einem Herrn, der nicht unangenehm war und meine Antworten mit der Schreibmaschine notierte. Am Ende der Seite durfte ich bestätigen, dass das meine Antworten waren. Ich hatte den Eindruck, dass er ein faires Bild von mir wiedergab. Aber nach diesem ersten Gespräch passierte in dieser Richtung eine ganze Woche lang nichts mehr. Das zerrte an den Nerven und andere, die schon länger da waren, „sehnten sich“ fast nach dem nächsten Verhör, denn sie waren 5 bis 6 Wochen insgesamt dort eingesperrt. Ich hatte meinem Fragenden auch gleich gesagt, dass mir das Visum für zwei Wochen gegeben wurde, die Botschaft mir das Ergebnis hinterher mitteilen wollte und ich zwei Wochen Urlaub von meiner Arbeitsstelle in der Schweiz bekommen hatte. Ich könnte also bei einem positiven Ausgang frühestens Mitte März 1989 den Wohnsitz in Anspruch nehmen. Er sagte, „dann müssen wir zügig arbeiten.“

In den zwei Wochen, die ich dort verbrachte, waren wir nie mehr als acht Antragsteller. Die meisten hatten in der DDR studiert und wollten aus verschiedenen Gründen bleiben oder wiederkommen. Sie stammten aus Algerien, Palästina, Libanon, Sudan, Italien, Peru und gegen Ende kam auch ein junger Franzose. In der ersten Zeit konnten wir uns alle auf Französisch unterhalten, was wir besonders in der Küche beim Essen taten, denn es war schnell klar, dass die Betreuer nur Deutsch sprachen und wir wussten nicht, ob wir abgehört wurden. Wenn, dann wollten wir es erschweren! Der Libanese hatte in Moskau studiert und dort seine DDR-Verlobte kennengelernt. Für ihn musste für die „Gespräche“ immer ein Dolmetscher geholt werden, denn er sprach fast nur Russisch und Arabisch. Wir konnten trotzdem in der dritten Baracke miteinander Tischtennis spielen.

Eine Rettung für mich war die Regelung, dass der Gärtner montags bis freitags von 9.30 bis 16 Uhr Gartengeräte zur Verfügung stellte und sagte, was er gemacht haben möchte. Es war August und ich arbeite gern im Garten, so habe ich in der ersten Woche Unkraut gejätet. In der zweiten Woche sollte die Hecke entlang der Heizungsröhre geschnitten werden. Das war eine Gelegenheit, etwas weiter über das Gelände zu schauen! Ich rechnete damit, nach zwei Wochen entlassen zu werden und schnitt bei etwas Nieselregen an meiner Hecke weiter, um fertig zu werden. Dafür wurde ich gelobt und ein Polizist, der sich untergestellt hatte, musste auf und ab laufen!

Ich rief meine Freundin an und lud sie zum Besuch ein. Sie wollte auch sehen, wo ich gelandet war und kam einen Tag eher aus ihrem Urlaub bis nach Berlin. Ich hatte ihren Besuch für den zweiten Montagmorgen beantragt, aber es dauerte auch für sie 45 Minuten von der Ankunft bis wir uns in der Betreuerbaracke für eine Stunde treffen konnten. Sie war entsetzt, wie ihr Land Menschen behandelte und meinte, wie sollten den Plan aufgeben. Aber ich war schon eine Woche da und wollte, dass „die DDR“ zu meiner Person eine Entscheidung treffe.

„Zügig arbeitet“ bedeutete, dass ich auch von einer Frau verhört wurde. Sie stellte Fragen, wie aus der Pistole geschossen, wollte wissen, ob ich ein „normales“ Verhältnis zu meiner Familie hatte, ob ich mich an ein Leben in der DDR würde gewöhnen können. Ich sagte, mir würden Obst und Gemüse fehlen. Ob ich einen Stadtrat X kannte. Ich sagte nein, aber was ist ein Stadtrat? Sie musste es mir erklären. Es ging auch um das Verhältnis zwischen dem Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf und dem Ökumenischen Institut, in dem ich arbeitete. Sie fragte, ob ich ihr das Schema aufschreiben könnte. Ich sagte ja, aber es wäre kein Geheimnis, sondern auch in DDR-Kirchenzeitungen bekannt. Sie gab mir einen Schreibblock und Kugelschreiber und bat mich, das Ergebnis danach abzugeben, „aber die anderen, die da bei Ihnen sind, brauchen ja nicht mit einzuschauen.“ So hatte ich in der zweiten Woche drei „Gespräche“, noch eins mit dem Herrn und zwei mit der Frau.

Die Betreuer versuchten manchmal, uns das Leben etwas angenehmer zu machen. Sie waren immer bereit, Geld für das Telefon passend zu wechseln. Einmal sollten wir am Vortag für einen Grillabend sagen, ob wir Schnitzel oder Würstchen wollten. Beim Grillen waren sie mit dabei und ich durfte ein Gespräch zwischen dem jungen Franzosen und dem Palästinenser dolmetschen, weil der Palästinenser noch nie mit einem französischen Kommunisten geredet hatte. Vor seinem ersten „Gespräch“ war der Franzose sehr gespannt und lief ständig hin und her, bis er umkippte. Wir waren etwas geschockt. Einer lief zu der Betreuerbaracke und ein anderer holte unseren Sudanesen, der Arzt war und uns beruhigte, es wären nur die Nerven und er würde gleich wieder zu sich kommen. Das war auch so, bevor ein dicker Polizist in Uniform erschien – das richtige, um einen Verängstigten zu beruhigen, der auch kein Deutsch sprach!

In der zweiten Wochen kam ein Deutscher hinzu, ein DDR-Bürger, der nach einem Streit mit seiner Frau den Besuch bei seiner Tante in West Berlin verlängert und sich einen Westausweis hatte ausstellen lassen. Dann hat er es bereut und wollte zurück, kam aber nicht mehr über die Grenze, bis ihm jemand steckte, es solle nicht sagen, er wolle wieder in die DDR zurück, sondern dass er den Wohnsitz in der DDR beantragen wolle. So landete er bei uns, hatte aber sein Zimmer in der dritten Baracke.

Am Freitag Nachmittag meiner zweiten Woche erschien der Herr, der mich verhört hatte, in der Gemeinschaftsbaracke, nahm mich beiseite und sagte, mir würde der Wohnsitz genehmigt, aber nur für Berlin, da meine Freundin ihren ersten Wohnsitz in Berlin hatte. Man hoffe also, ich verstehe mich gut mit ihrer Mutter. Da ich erst Mitte März einreisen könne, solle ich etwa 14 Tage vorher das Einreisevisum bei der Botschaft beantragen und nach der Einreise „hierher vorbei kommen, aber nicht mehr zum Übernachten“.

Ich hatte es schon bei anderen, die weg waren, beobachtet, dass man sehr früh herausgeholt und verabschiedet wurde. Da war ich vorbereitet und hatte schon gefrühstückt, als man mich am 3. September um 7.30 holte. Ich bekam die 12 Objekte wieder, die mir bei der Ankunft abgenommen wurden und man sagte mir, ich hätte noch Taschengeld zu bekommen, könne aber Mark der DDR nicht mit über die Grenze nehmen. Also wollte man mir dafür DDR-Kaffee geben. Ich kannte den DDR-Kaffee und sagte, sie könnten mir ruhig die Mark geben, denn ich würde die Mutter meiner Freundin noch vor der Ausreise besuchen wollen und könnte ihr das Geld geben. Sie wussten nicht, dass ich das Visum für einen Privatbesuch im Gepäck hatte. Ich schraubte meine Nummernschilder wieder an und konnte das Gelände verlassen. Da ließ ich das Geld bei Bekannten, reiste über den Checkpoint Charlie aus bis zum nächsten Supermarkt, kaufte Obst und Kaffee und reiste wieder ein.

Das Nachspiel

Wieder in Greifswald angekommen, besuchten wir Herr Dr. Schulz und berichteten von dem Ergebnis, auch dass ich in Berlin wohnen sollte, wo eine Arbeitsstelle in Greifswald auf mich wartete. Dann fuhr ich in die Schweiz zurück und kündigte zum 15. März 1989. Am 13. Januar erhielt meine Freundin einen Anruf von der Greifswalder Polizei, sie solle mir sagen, dass ich am 13. März für drei Wochen wieder nach Zepernick kommen müsse. Wir waren beide etwas schockiert. Ich richtete meine Arbeitszeit so ein, dass ich mich für einen Tag mit meiner Freundin in Berlin treffen konnte, um lange über das ganze zu reden. Wir hatten das Gefühl, sehr wenig über meinen eventuellen Status zu wissen. Wir hatten uns bei einem Rechtsanwalt in Rostock erkundigt, der sagte, es gäbe wohl Rahmengesetze, die je nach Bedarf ausgelegt würden, aber so etwas würde er nicht zu Gesicht bekommen. Die Britische Botschaft in Berlin wusste auch nichts, würde mir aber „helfen, wenn ich in Schwierigkeiten gerate“. Wir dachten, es wäre wohl besser, auf das ganze Unternehmen zu verzichten und ich sollte versuchen, meine Kündigung zurück-zunehmen. Ich fuhr wieder die 24 Stunden mit dem Zug in die Schweiz und mir wurde unterwegs immer klarer, dass ich doch immer geglaubt hatte, es wäre möglich als normaler Mensch in der DDR zu leben und ich sollte es riskieren. Ich hoffte, der Herr in Zepernick hatte recht, dass ich nur vorbeikommen müsste, aber nicht zum Übernachten.

Ich bin bei meinem ursprünglichen Plan geblieben, erhielt das Einreisevisum von der Botschaft, um am 16. März einzureisen und fuhr mit dem Tageszug. Damit war ich erst gegen 23 Uhr an der Grenze und dachte, wenn sie mich gleich nach Zepernick abführen, werden sie sich freuen, mich um 1 Uhr morgens zu sehen. Ich durfte aber normal über die Grenze und nahm am anderen Morgen nur meine Handtasche für die Fahrt nach Zepernick. In der Begrüßungsbaracke gelandet, kam zuerst mein Hauptverhörer. Es war fast, als sehe ich einen alten Freund! Ich erzählte ihm, dass ich nach dem Anruf der Greifswalder Polizei fast zurückgeschreckt wäre. Er sagte nur, „ich habe mehr zu sagen als Greifswald“. Dann kam ein mir unbekannter Herr, der wissen wollte, welche Auslandsreisen ich seit dem Beginn meiner Arbeit in der Schweiz gemacht hatte (das waren 14 Jahre) und ob ich dabei „Schwierigkeiten“ gehabt hätte. Er wollte auch die Route kennen, die ich für Besuche in der DDR mit dem Auto genommen hatte, kannte sich aber in seinem Atlas nicht aus. Einmal bin ich näher gerückt, um ihm etwas zu zeigen, aber das war streng verboten. Nach etwa 3 Stunden war alles erledigt und ich konnte zu meinem Gepäck und nach Greifswald.

Kleine Anmerkung: Einige Jahre später lernte ich in Greifswald einen Franzosen kennen, der Anfang der 1970er Jahre das Aufnahmeverfahren durchgemacht hatte. Man hatte ihm an Ende verboten, davon zu erzählen – mir nicht!